Engelsturz
Papercut, Mischtechnik
In der Mythologie des Christentums berichtet der „Engelsturz“ von einem Urthema der Menschheit, der Frage nach der Entstehung von Gut und Böse, bzw. wie die Dualität in die Welt kam.
Die Papercuts sind jeweils aus einem quadratischen Papier entstanden. Durch mehrere Faltungen und Einschnitte entsteht eine zufällige, chaotische, sich überlagernde Form. Vorder- und Rückseite, Gut und Böse bestehen aus demselben Papier, die sich überlagern und überschneiden. Bei Lichteinfall fangen die Bilder an, von hinten zu leuchten.
Über die Mythologie des Engelsturzes ... MEHR LESEN
Nach meinem Studium in China war ich beeindruckt von der Anbindung der Kunst an die dortige Tradition und spirituelle, daoistische Philosophie, die als breites Wissen in der Gesellschaft verankert ist. Es gibt ein allgemeines Verstehen und Entschlüsseln-können der Malerei, was wiederum zu einem starken Gemeinschaftsgefühl beiträgt.
Sehr kurz zusammengefasst beschreibt der Daoismus die Vorstellung einer dualistischen Welt, in der die Gegensätze ganz allgemein und wertfrei mit Yin und Yang beschrieben werden, wie z.B. Tag und Nacht oder Einatmen und Ausatmen. Die einzige Gewissheit in dieser Welt ist es, dass sie in einem ständigen Wandel zwischen diesen beiden Polen ist. Das Dao ist dabei ein alles durchdringendes Urprinzip, aus dem alle Dinge hervorgehen und dem alle Dinge ganz natürlich folgen.
Ich fragte mich, was sind die Geschichten, die in unserem Kulturkreis erzählt werden und die Entstehung der Gegensätze in der Welt erklären? Mit was sind wir verbunden?
Es gibt dazu eine Geschichte in der Bibel, in der Gott einen höchsten Engel erschafft, Luzifer, den Engel des Lichts (Luzifer ist eine lateinische Übersetzung: lux = Licht und ferre= tragen). Er war der Lichtbringer und Morgenstern, der Bote Gottes. Trotzdem fiel er in Ungnade. Die Bibel nennt verschiedene Gründe: z.B. aus der Vermessenheit, sich über Gott zu erheben, oder aus Stolz, da Luzifer sich nicht unter die Menschen stellen wollte (deren Fehler er wohl erkannte). Es heißt, ein tragischer, leiser Zweifel an Gottes Weisheit sei der Auslöser zu allem Unglück gewesen. Dafür wurde er von Gott aus dem Himmel gestürzt, verwandelte sich im Fallen in den Teufel und bohrte sich als das Böse in die Erde.
Neben diesen recht menschlich erscheinenden Gründen kann der Engelsturz auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden, die Gott und Teufel als neutralere Wirkprinzipien beschreiben und dem Teufel sogar einen positiven Aspekt geben. Vilem Flusser schreibt in „Die Geschichte des Teufels“: nur Gott ist unendlich und zeitlos. Eine Welt, die gottgleich wäre, würde sich selbst in Zeitlosigkeit auflösen. Sie würde ins erleuchtete Nichts gehen und aufhören zu existieren. Der Teufel hingegen HAT einen Anfang. Erst mit ihm beginnt die Zeit. Erst damit entsteht ein Vorher und Nachher, Veränderung, Dualität, Entwicklung, Evolution und damit die Möglichkeit von Leben.
Der Engelsturz als Ursprung des Lebens und sogar Universums (Urknall) findet sich auch sinnbildlich im Namen des Teufels wieder. Das Wort stammt von dem griechischen diabolós ab, das Durcheinanderwerfer, Verwirrer bedeutet und dem Verb diaballein, das auseinanderbringen, durcheinanderwerfen und entzweien bedeutet. Es verweist auf das Wesen des Teufels, die Welt zu erhalten, in dem er das göttlich erlöste Eins-Sein entzweit in die Dualität der physischen Dinge.
In der Mythologie lassen sich Gut und Böse, Gott und Teufel vermeintlich einfach unterscheiden. Heute sieht die Sache komplexer aus, verschiedene Interessen stehen sich gegenüber und lösen sich in diversen Grautönen auf. Je nach Standpunkt und Wissensstand wird dieselbe Motivation zu einer guten oder zur schlechten Haltung. Bei genauerer Betrachtung kann es auch im Mythos des biblischen Engelsturzes kein absolut Böses geben, weil das Böse aus dem Guten entstanden ist. Daraus ergibt sich für mich die Hoffnung, dass auch im Bösen noch etwas Gutes ist, dass es immer ein Licht (Luzifer) gibt, dass vielleicht noch durch die Dunkelheit durchscheint.
Es gibt eine sehr alte kanaanitische Legende, die noch vor dem biblischen Engelsturz erzählt wurde und diesen sicher inspiriert hat. Für die Kanaaniter war Luzifer der Lichtbringer und Morgenstern. Sie nannten den Morgenstern Shahar und seinen Zwillingsbruder, den Abendstern Shalim. Shahar verkündete täglich die Geburt der Sonne, bzw. des Sonnengottes mit den Worten „Er ist auferstanden“. Shalim verkündet den Untergang der Sonne, wobei Shalim ganz einfach „Frieden“ bedeutet (hebräisch shalom, arabisch salaam). Der Mythos erzählt auch, dass Shahar die Macht des Sonnengottes begehrt, von diesem aus dem Himmel verstoßen wird und deshalb jeden Morgen wieder verschwindet.
Was ich daran spannend finde ist, dass sich so ein gewaltiger Mythos, wie der Engelsturz, vielleicht zurückführen läßt auf eine Naturbeobachtung von Morgenstern, Abendstern und Sonne. Und wie schön, dass abends zur vermeintlich sterbende Sonne das Wort Shalim, „Frieden“ gesprochen wird.
Die Papercuts „Engelsturz“ sind jeweils aus einem quadratischen Papier entstanden. Durch mehrere Faltungen und Einschnitte entsteht eine zufällige, chaotische, sich überlagernde Form. Dabei wird eine Unterseite zur Oberseite, eine Oberseite verschwindet in eine Unterseite. Vorder- und Rückseite, Gut und Böse bestehen aus demselben Papier, die sich überlagern und überschneiden. Bei Lichteinfall fangen die Bilder an, von hinten zu leuchten.
Einführungsrede zur Vernissage im Kunstbalkon






